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Handwerker auf dem Esslinger Mittelaltermarkt: Wolle braucht Fleiß und Feingefühl - Landkreis Esslingen - Stuttgarter Zeitung

Handwerker auf dem Esslinger Mittelaltermarkt Wolle braucht Fleiß und Feingefühl

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Wie aus Rohwolle Garne werden, zeigt Susanne Marx auf dem Esslinger Mittelaltermarkt an der Spindel. Sie gehört zu den vorführenden Handwerkern und vermittelt die Kunst der Wollverarbeitung auf eindrückliche Weise.

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Viele Stunden dauert es, bis Susanne Marx aus der Rohwolle ein volles Garnknäuel gesponnen hat – ihr Können führt sie auf dem Mittelaltermarkt vor. Foto: Ines Rudel

Esslingen - Konzentriert zieht Susanne Marx aus einem weichen Knäuel Fasern heraus und lässt sie in einen Faden laufen, der über das Spinnrad läuft. Garn zu spinnen ist heutzutage in der Textilindustrie die Aufgabe von Maschinen. Die 50-jährige Esslingerin veranschaulicht auf dem Mittelaltermarkt, wie der Prozess vor der Industrialisierung vonstattenging.

Marx beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Wolle und natürlichen Materialien und fertigt Geschirrtücher, Socken, Schals, Mützen oder Stulpen. Ob Stricken, Weben, Filzen, Färben oder Spinnen – die Wollverarbeitung ist ihr Steckenpferd. Als vorführende Akteurin zeigt sie in Holzschuhen und einen wollenen Umhang gekleidet erwachsenen Besuchern und Schulklassen auf dem Mittelaltermarkt, wie aus einem Schafspelz und Rohwolle tragbare Kleidungsstücke werden. „Das war ja nicht alles schlecht, was die Leute früher gemacht haben. In erster Linie erkläre ich viel. Etwa, dass die geschorene Wolle gewaschen, kardiert eventuell gefärbt wird und wie lange der Prozess der Garnherstellung früher, wo alles noch Handarbeit war, gedauert hat“, sagt Marx. Für ein einziges Hemd habe man damals zum Beispiel fast zwei Monate gebraucht. Geschickt wippt sie mit dem Fuß die Pedale hoch und runter und stößt damit das Rad der Spindel an. Gleichzeitig zieht sie mit viel Fingerspitzengefühl den Faden. „Es hat lange gedauert, bis ich das konnte. Wie bei allen Handarbeiten braucht man viel Übung. Manchmal landen die Sachen zwischenzeitlich in der Ecke, bis man sich wieder dransetzen mag“, gibt sie zu.

Am Spinnrad und an der Handspindel läuft die Wolle rund

Marx verspinnt Wolle und Seide, es gebe aber auch Spinner, die mit Hunde- und Katzenhaaren arbeiteten, erzählt sie. Die geschickte Handarbeiterin lässt nicht nur das Spinnrad rundlaufen, sondern auch mal kunstvoll die Handspindel tanzen. „Damit konnten die Leute früher mobil Wolle spinnen. Der Vorteil bei der Handspindel ist, dass das Garn viel reißfester wird, da das Gewicht der Spindel die ganze Zeit dranhängt. Derart gesponnenes Garn war damals sehr gefragt.“

Wenn Marx nicht gerade auf Märkten die Geschichte der Wollgewinnung vorführt und über die Wollverarbeitung informiert, fertigt sie Kleidungsstücke in der Esslinger Fadenwerkstatt an oder arbeitet als Fußpflegerin. Nebenbei erlernt sie gerade in einer berufsbegleitenden Ausbildung das aussterbende Weberhandwerk im Haus der Handweberei in Sindelfingen.

„Gerade heute, wo es ständig um mehr Nachhaltigkeit und den Kampf gegen Mikroplastik geht, finde ich es wichtig, mit natürlichen Materialien zu arbeiten. Wolle hat viele Vorteile gegenüber Plastikkleidung. Ich fände es schön, wenn die Wolle und vor allem auch die Schafhaltung wieder mehr Gewicht im Bewusstsein der Konsumenten bekämen“, sagt Marx.

Akteure auf dem Mittelaltermarkt: Scrimshaw – gravieren wie die Walfänger - Landkreis Esslingen - Stuttgarter Zeitung

Akteure auf dem Mittelaltermarkt Scrimshaw – gravieren wie die Walfänger

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Auf dem Esslinger Mittelaltermarkt hat man das Handwerk von Andreas Kingl bisher noch nicht gesehen: Mit feinem Werkzeug ritzt er Bilder in Mammut-Elfenbein. Die Technik namens Scrimshaw kommt aus dem hohen Norden.

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Nadelfeine Linien ritzt Andreas Kingl in den Mammutzahn. Die Vertiefungen werden mit Ruß und Wachs schwarz gefärbt. Foto: Ines Rudel

Esslingen - Der Kopf war leer. Und die Arme waren kaputt. Sein Körper zeigte ihm deutlich, dass die Zeit als Werkzeugmacher in der Industrie vorüber war. Doch stand Andreas Kingl, 54, keinesfalls vor dem Nichts. Er ging den Weg in ein besseres Leben über die Mittelalterszene, und er hätte diesen Weg nicht geschafft, wenn er nicht einen Reisebegleiter gefunden hätte, der mit ihm durch dick und dünn gegangen wäre.

Fast zwei Kilo wiegt die Marionette an seinem Stand auf dem Esslinger Mittelaltermarkt. Plumpaquatsch heißt sie nach einer Puppe aus einer Kindersendung der 1970er-Jahre. Der kleine Wassermann hat eine Strickmütze an, sein blaues Pastellkleid ist mit Muscheln verziert. Auf den Mittelaltermärkten belebte er mit der kleinen Wasserfrau die Tradition der Puppenspieler. Lange bevor es Marionettentheater gab, gab es Marionetten, die von fahrenden Puppenspielern auf den Märkten präsentiert wurden. Die Marionette erzählte dem Publikum Geschichten, tanzte mit ihm um die Buden und Stände.

Andreas Kingl konnte in seinen Führungen und in seinem Puppenspiel ganz aufgehen: „Da vergesse ich die Welt.“ Es schien, als ob nicht nur Andreas Kingl der Puppe Leben einhauchte, sondern sie auch ihm. Gleichzeitig drang er immer tiefer in die Mittelalterszene ein. Er wurde zum Wikinger und nahm den Namen Ragnar Gwynwulfson an. Mit der Zeit genügten ihm die Auftritte nicht mehr, und er sah sich nach etwas Neuem um. Als Wikinger war er es gewohnt, seinen Schmuck selbst zu fertigen, und er begann sich für Mammut-Elfenbein zu interessieren.

Elfenbein-Schnitzerei ist die älteste Bildhauertechnik der Menschheit. Zeugen davon sind die Figuren aus der Vogelherdhöhle bei Heidenheim und die Flöte aus dem Geißenklösterle bei Blaubeuren. Kingl begann, sich aus Elfenbein Schmuck herzustellen, hin und wieder gravierte er auch Runen in das Material. Was seinen Stand am Hafenmarkt vor dem Gelben Haus so außergewöhnlich macht, es ist eine Technik, die Andreas Kingl neu begonnen hat. Sie heißt Scrimshaw und ist unter den Walfängern des 19. Jahrhunderts entstanden. Sie hatten sich auf ihren langen Reisen die Zeit damit vertrieben, in Pottwalzähne, die als Abfall anfielen, kleine Bildchen zu ritzen. Mal sind Schiffe drauf oder Landkarten, manchmal haben sie ihre Lebensgeschichte eingraviert.

Scrimshaw mit legalem Elfenbein

Muss er da auf den Millimeter arbeiten? Andreas Kingl lacht. „Auf Millimeter arbeiten ist etwas für Grobmotoriker“, sagt der Kunsthandwerker. Er arbeitet viel feiner. Die ruhige Hand hat Kingl aus seiner Zeit als Werkzeugmacher. Die Ruhe entsteht sozusagen beim Arbeiten, wenn er sich Linie um Linie in das Motiv hineinfindet. Unter der Lupe sieht man ein Stück Zahn liegen. Kingl graviert Drachen hinein und anderes Bildmaterial aus der nordischen Mythologie. Er arbeitet nur mit Mammut-Elfenbein. Elefanten-Stoßzähne zu nehmen, ist nicht nur illegal, sondern auch ein Verstoß gegen alles, was Andreas Kingl heilig ist. Ebenso verbietet er sich, Walrosszähne zu gravieren, denn er will nicht, dass seinetwegen ein Tier getötet wird. Anhand der Struktur der Zähne kann Kingl zweifelsfrei feststellen, von welchem Tier der Zahn stammt.

Seit 2013 ist Andreas Kingl auf den Mittelaltermärkten Mitteleuropas unterwegs. Sein Stand mit Schmuck und Scrimshaw verschafft ihm ein Einkommen, auch wenn er vielleicht nur einen Stundenlohn von zehn Euro erwirtschaftet, aber: „Ich mache nur noch, was mir Spaß macht.“

Wenn er wie die Walfänger sein Leben auf einen Pottwalzahn gravieren sollte, wie sähe das Bild aus? Er dreht sich um: „Die Marionette. Sie hat mein Leben geändert, ihr habe ich alles zu verdanken.“

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